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Hand holding the book "Pa que se acabe la vaina" by Colombian author William Ospina

NRW goes Colombia! Warum eine Kooperation mit dem aufstrebenden Kolumbien richtig ist

Ende November 2015 unternahm Ministerpräsidentin Hannelore Kraft in Begleitung von NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin und mit einer 30-köpfigen Delegation aus Politik- und Wirtschaftsvertretern eine einwöchige Reise in die südamerikanischen Länder Chile und Kolumbien. Kraft wolle die großen Potenziale für die NRW-Wirtschaft in Lateinamerika nutzen. Gut so!

Denn Lateinamerika ist seit jeher eine von der deutschen Bundes- und Landespolitik vergessene Region.

In Kolumbien traft Kraft sogar den Staatspräsidenten Juan Manuel Santos und besuchte neben der Hauptstadt Bogotá auch das zweite aufstrebende Zentrum des Landes, die Provinzhauptstadt Medellín.

 

Diplomatisches Feintuning nötig

Die ganz große politische Bühne ist für deutsche Landespolitiker, auch für wie in diesem Fall die ganz prominenten, immer noch ein ungewohntes Betätigungsfeld. Denn Wirtschaftsförderung für Unternehmen aus dem eigenen Bundesland zu betreiben, ist natürlich auch Aufgabe der Landespolitik – aber mitunter muss noch der richtige Ton im Spannungsfeld zwischen wirtschaftlichem und politisch-zivilgesellschaftlichem Interesse getroffen werden.

In Kolumbien bedeutet das unter anderem, die menschenrechtswidrigen Arbeitsbedingungenbedingungen im Bergbau offensiv anzusprechen – und nicht gleich zu versuchen, die eigene Bergbautechnik unterschriftsreif anzubieten. Auch das überaus kritische Freihandelsabkommen zwischen der EU und Kolumbien darf bei öffentlichen Auftritten nicht unerwähnt bleiben. Diplomatisch schwieriges Terrain für jeden politischen Besucher.

 

High potentials in Colombia

Eines ist klar: Kolumbien bietet immense Potenziale für die Kooperation auf verschiedenen Gebieten. In einem Interview mit dem Magazin der Deutsch-Kolumbianischen Industrie- und Handelskammer stellte Ministerpräsidentin Kraft vollkommen zu Recht diese Kooperationspotenziale zwischen NRW und Kolumbien heraus. So befindet sich das 50-Millionen-Land in einer Phase des wirtschaftlichen Aufbruchs aufgrund der fortgeschrittenen Friedensbemühungen. Mit der damit verbundenen wirtschaftlichen Öffnung Kolumbiens, das bisher eher auf die Nachfrage aus dem eigenen Binnenmarkt gesetzt hat, verfolgt die politische Führung auch das Ziel, die eigene Wirtschaft weniger abhängig von Rohstoffexporten zu machen. Bei einem Ölpreis von weniger als 30 US-Dollar ist das auch eine ökonomische Notwendigkeit.

Die Nachfrage nach Technologie in den Bereichen Verkehr und erneuerbare Energien ist groß; die Kreativindustrie und der e-Commerce-Sektor wachsen stark. Der introvertierte kolumbianische Arbeitsmarkt sieht sich nach Jahrzehnten der politischen Instabilität großen Herausforderungen hinsichtlich der Ausbildung seiner Arbeitskräfte gegenüber. Ebenso bedarf die Universitäts- und Forschungslandschaft dringend einer durchgreifenden Internationalisierung.

 

Ahead of the curve (in a shrinking space)

NRW sollte zeitnah agieren und eine Kooperation mit dem aufstrebenden Kolumbien initiieren. Nur bitte nicht (allein) zum Verkaufen von Bergbautechnik, wodurch noch mehr Menschenrechtsverstöße wahrscheinlich werden. Wenn man in Kolumbien politisch auftritt, dann muss man – bei allem legitimen Interesse, NRW-Unternehmen zu Aufträgen zu verhelfen – auch die politisch-zivilgesellschaftliche Dimension miteinbeziehen.

Dazu gehört insbesondere das Stärken zivilgesellschaftlicher Strukturen: Auch in Kolumbien muss der verheerende Trend der “shrinking spaces” für Nichtregierungsorganisationen umgekehrt werden. In den letzten Jahren ist vermehrt zu beobachten, wie von Russland bis Ecuador die Arbeit zivilgesellschaftlicher Akteure, besonders politische Stiftungen aus dem Ausland, über die Änderung nationaler Gesetze („NGO laws“) behindert wird. Politischen Druck gegen diese schädlichen Tendenzen kann man nur als ernstgenommenes Partnerland ausüben.

Es sollte auf das gesamte Potenzial des kolumbianischen Marktes gesetzt werden – weg von der „Rohstoffdenke“: Werbe- und Kommunikationsagenturen suchen europäische Partner, kolumbianische Unternehmen und Universitäten brauchen händeringend Sprachdozenten (vor allem Englisch) mit internationalem Profil, die kolumbianische Regierung will Universitäts- und Forschungskooperationen ausbauen, die erneuerbaren Energien brauchen Technologieimporte. So kann man die wirtschaftlichen Interessen Nordrhein-Westfalens vertreten und dabei auch noch politisch das Richtige tun.

Hier kann NRW als Bundesland mit einer echten Partnerschaft einen Rahmen setzen. Inklusive Partnerschaftsabkommen und so.

Es ist zu erwarten, dass auch andere deutsche Bundesländer eine enge Kooperation mit Kolumbien anstreben. Der deutsche Botschafter in Bogotá sagte in Gegenwart der NRW-Delegation: „Man muss jetzt hier sein. Wer in fünf Jahren kommt, ist zu spät.“

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