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Street Art in Mailand

Warum ich keinen Bock auf das Internet der Dinge habe

Der neue Liebling der digitalen Fangemeinde ist zweifelswohne das „Internet der Dinge“. Alle finden es toll: Meine Mutter lässt über ihre Smartphone-Daten die Heizung automatisiert einstellen (und es ist doch immer zu warm in der Bude), meine Schwester kann per Bluetooth verlorene Gegenstände in der eigenen Wohnung orten und mein Neffe hat mit den Fitnessspielen seiner Xbox Kinect angeblich schon zehn Kilo abgenommen.

Bei dieser ganzen Begeisterung ist es kein Wunder, dass die Marketers das Internet der Dinge als bedeutendsten Marketingtrend bis 2020 ausgemacht.

Ich teile diese Begeisterung nicht. So überhaupt nicht. Meine Skepsis fängt bei der unklaren Begriffsdefinition an, die es mir unmöglich macht, genau absehen zu können, wohin das alles führen wird. Selbst Telekomriese Cisco hält es für notwendig in seinen Publikationen eine eindeutige und vor allem einheitliche Definition vorzulegen. Was ich gelernt habe: Beim Internet der Dinge dreht es sich weniger um Kühlschränke oder Kaffeemaschinen mit Internetzugang. Vielmehr geht es darum, dass Objekte des täglichen Gebrauchs miteinander kommunizieren und vernetzen. Die Art der Kommunikation und Vernetzung der Dinge ist zweitrangig.

Dass Unternehmensberatungen die Digitalisierung und dabei speziell das Internet der Dinge als den volkswirtschaftlichen Wachstumstreiber ausgemacht haben wollen, war zu erwarten. Die prognostizierten Wachstumsgewinne werden so eintreten oder eben nicht. Die grundsätzliche ökonomische Notwendigkeit, der Digitalisierung nicht hinterherzurennen, sondern sie mitzugestalten, ist natürlich da.

Viel interessanter sind allerdings die Auswirkungen des Internets der Dinge auf Politik und Demokratie. Das „Pax Technica“ mit vernetzten Haushaltsgeräten kann der Beginn einer neuen demokratischen Zeitrechnung sein, freuen sich Big Data-Konvertiten wie Soziologe und Buchautor Philip N. Howard. Die steile These: Die New World Order wird bestimmt von einer politischen Stabilität, die von einem Deal zwischen den Technologiekonzernen und nationalen Regierungen ausgeht.

Howard träumt von Diktatoren stürzenden Sozialen Netzwerken, die sich auch mit den Sensoren auf dem „ACAB“-T-Shirt verbinden. Er präsentiert seine Version der abgelatschten „freedom-to-connect“-Lüge der US-Techfirmen, wonach im Zuge der Digitalen Revolutionen mittels toller Interoperabilität der Produkte und Dienstleistungen und „zerstörerischen Innovationen“ alle „empowered“ würden. Mögliche Folge: politische Revolutionen. Weil man als fieser Diktator vor dem digital vernetzen Pöbel nicht mehr sicher fühlen kann.

Freedom-to-connect? Nix Freedom! Was der Soziologe als „ziviles Empowerment“ durch digitale Vernetzung betrachtet (z.B. durch Vernetzung auf lokaler/kommunaler Ebene), finde ich beängstigend unfrei. In jeder echte digitale Weiterentwicklung, ob eHealth-Dienste, SmartMeter oder Apps für die Steuererklärung (ich sage ja heute noch Nein zu ELSTER), sehe ich mehr Missbrauchsrisiko als praktischen Mehrwert für die zivilgesellschaftliche Grassroots-Bewegung. (Klar, Deutschland ist nicht Tunesien – aber die Mechanismen bei der zivilgesellschaftlichen Digital-Vernetzung samt Missbrauchspotenzial sind die gleichen). Denn alles basiert auf das massenweise Abfischen, Speichern und Auswerten personenbezogener Daten – Big Data eben.

Gerade jener Deal zwischen den großen Technologiekonzernen und der Regierung/dem Staat führt doch nicht zu „zivilem Empowerment“, sondern spinnt ein stabiles und vor allem für den Einzelnen nicht mehr aufzulösendes Überwachungsnetz aus Standort-Apps, T-Shirt-Sensoren und kreditkartenzahlenden Kühlschränken. Das sind keine schönen Aussichten. Im besten Fall kommt es zu einer Datenschlacht zwischen Zivilgesellschaft (gegen staatliche Einrichtungen) und dem Staat (gegen die „zivilgesellschaftlichen Rowdies“).

Großbritanniens Innenstädte sind heute schon komplett videoüberwacht. Steht man mit mehr als drei Leuten in der edlen Altstadt von Birmingham (Ironie, Birmingham ist die hässlichste Stadt der Welt) rum, kommt fünf Minuten später ein Trupp Bobbys und schickt einen weg. Wenn die Kameras dann noch über Textilsensoren meine Körpertemperatur auswerten und zu dem Schluss kommen, dass mein Testosteronlevel zu hoch sein muss, wird man wahrscheinlich gleich zu Boden getasert.

Die praktischen Seiten des Internets der Dinge (oder wie Techkonzerne mittlerweile verlauten lassen: das „Internet of Everything“) hin oder her: Die Gefahren für Demokratie, Meinungsfreiheit und Rechtsstaat sind enorm – und wiegen die positiven Effekte wie effizientere Stadtreinigungen nicht auf. Ebenso wie die komplette Vernetzung von alltäglichen Gegenständen unser Konsumverhalten insbesondere durch „Nudging“ beeinflusst, hat das Internet der Dinge Einfluss Wahlergebnisse. Das Ganze läuft auf Technologie-getriebenes „Social Engineering“ hinaus.

Damit sind die Einflussmöglichkeiten der Spindoktoren und Marketers auf die Wähler quasi unbegrenzt – ein bisschen massenmediale Beeinflussung durch Wahlumfragen ist Kindergarten gegen die neuen Werkzeuge. Wahlmanipulation durch Big Data-unterstützte Verhaltensanalysen werden an der Tagesordnung sein: In einer von Sensoren überschwemmten Welt ist z.B. einfach festzustellen, wann wo welche Wählergruppen in welchem Zustand zur Urne gehen. Vor dem fettreichen Mittagessen oder danach. Will man die Mittagswähler nicht, sollte man sie länger in der Schlange stehen lassen, damit sie magenknurrend wieder abziehen. Oder durch Auswahl für bestimmte Wählergruppen „unattraktiver“ Wahllokale (Wahlabgabe im fünften Stock und der Aufzug streikt) diese vom Urnengang abzuhalten oder zumindest zu demotivieren.

Ich will das alles nicht – auch wenn es so oder so ähnlich kommen wird. Ich hab keinen Bock auf das Internet der Dinge, das mir zwar einige praktische Gadgets beschert, aber meine nächtlichen Aktivitäten dauerüberwacht.

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