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Bild Handelsblatt Titel vom 4.+5.+6. September 2015

Warum Open Source eine Antwort auf das Silicon Valley ist

von Matthias Bock und Tom Odebrecht

Als Gründerszene.de bereits am Freitag in einer Vorab-Blattkritik die Wochenendausgabe des Düsseldorfer Handesblattes mit dem Titel “Die dunkle Seite des Silicon Valley” verriss, war klar:  Das Handesblatt hat in Sachen Silicon Valley-Bashing wohl nicht viel Neues aufgeschrieben. Auffällig war allein, wie das sonst so marktliberale Blatt in erstaunlich unreflektierten Worten die Gefahr, die von den erfolgreichen US-Technologieunternehmen ausgeht, beschwor. Den fast gleichen Tenor – mit einer ähnlich düsteren Vision – haben wir bereits im Februar im SPIEGEL lesen dürfen. Damals titelte das Magazin: “Die Weltregierung – Wie das Silicon Valley unsere Zukunft steuert”. Ein halbes Jahr zieht ins Land – neue Antworten auf die Herausforderungen der Silicon Valley-Übermacht gibt es aber anscheinend nicht!

Denn das Handelsblatt zeichnet ein in sich widersprüchliches Bild: Auf der einen Seite wird Günther Oettinger als Google-Bekämpfer gefeiert. Der, der gegen die Monopolisten kämpft und für mehr Marktwirtschaft sorgt. Keine Erwähnung findet auf der anderen Seite die vollkommen inkonsequente Haltung Oettingers und der europäischen Regierungen (vor allem der deutschen) bei der Netzneutralität. Diese wird im Kuhhandel mit den Roaminggebühren und im Sinne der großen europäischen Telekomkonzerne geopfert. Fundamentalkritik an Google und das Pampern von Telefonica, Deutsche Telekom und Co. passt nicht zusammen. Ebenfalls unerwähnt bleiben die aktuellen Bestrebungen der Deutschen Telekom einer Remonopolisierung durch “Vectoring” zu erzwingen. Das einfache Weltbild: Die bösen US-Unternehmen sind der Feind. Basta!

Mit dem Finger wird immer dann kräftig auf andere gezeigt, wenn man selbst von etwas ablenken will. Anfang des Jahres konnte man Günther Oettinger noch mit folgendem Zitat bewundern: „…..aber hinter uns liegt das Kleinfeldturnier. Kleine Tore, sechs Spieler, der IT-Sektor! Da haben wir gegen die Amerikaner verloren. Punkt!“ Dann gab er den Mutmacher: Auf dem Großfeld (“die richtige Industrie”) könne man noch gewinnen. Da wolle man in Europa nun angreifen und gewinnen.

Um Oettingers Fussballmetapher als vollkommen realitätsfern zu entlarven, halte man sich bitte vor Augen, dass allein Apple eine Marktkapitalisierung erreicht hat, die die ALLER DAX-Unternehmen zusammen entspricht.

Andere haben das Grundproblem besser erkannt: Der Verein D21 lud Anfang März zum Fachkongress ein: “Digitale Gesellschaft: Der Erfolgsfaktor für den Wirtschaftsstandort Deutschland”. Wichtiges Thema, richtige Adressaten. Dort wurden Umfrageergebnisse präsentiert, wonach 74% der befragten Vertreter deutscher Unternehmen der Ansicht sind, die deutsche Wirtschaft verharrt selbst zu sehr in ausgedienten Handlungsmustern. Diese Erkenntnis kommt dem Grundproblem schon näher.

Aber wenn Google, Facebook und Apple die disruptiven Kräfte sind und dabei über fast unerschöpfliche Geldreserven verfügen, wie soll man denen jetzt begegnen? Weder SPIEGEL, Handelsblatt noch Gründerszene.de finden da eine echte Antwort. Es gibt aber bereits richtige Ansätze: Während der laufenden TiSA-Verhandlungen wurde mehr als deutlich, wie viel Angst die US-Konzerne vor Open Source-Lösungen haben. Sie haben so viel Angst, dass sie es beim Handelsabkommen deutlich reglementiert wissen wollen. Und die Angst der US-Monopolisten ist durchaus begründet: Wer von der Abhängigkeit von auf eigenen Algorithmen basierenden Lösungen lebt, muss versuchen, offene digitale Ökosysteme zu bekämpfen.

Die Technologie der Zukunft besteht im Wesentlichen aus Software. Wir benötigen Technologie, die allen Akteuren einen freien Zugang zu Hardware und zu den relevanten Märkten gewährleistet. Wenn also die genannten US-Riesen versuchen, den Markt durch proprietäre Software zu monopolisieren, dann bleibt für alle anderen Unternehmen nur der “Ausweg”, sich zusammenzuschließen und gemeinsam Open Source-Lösungen aufzubauen, die der Monopolisierung entgegenwirken. Unternehmen wie Samsung haben das längst verstanden und investieren massiv in Open Source.

Vielleicht wäre es als erstes angebracht, sich selbst einzugestehen, dass es zukünftig keinen Marktführer ausserhalb des Silicon Valley geben wird, wenn wir in Europa nicht schnellstens beginnen, zielgerichtet alternative (offene) Zugänge zu den Märkten der Zukunft zu entwickeln. Hier sind die (europäischen) Unternehmen gefragt, die ihre eigene Firmenphilosophie ändern müssen. Aber auch die Politik muss endlich aufhören, der Aggro-Ideologie des Silicon Valley hinterherzulaufen. Versucht man die US-Giganten auf ihrem eigenen Spielfeld anzugreifen, wird man aller Wahrscheinlichkeit nach haushoch verlieren.

Don Tapscott und Anthony D. Williams bezeichnen in ihrem Buch “Wikinomics” Open Source als zentralen Bestandteil ihrer “Wissenschaft des Teilens”. Bereits 2007 wiesen die beiden Vordenker auf diese neue Art des wirtschaftlichen Zusammenlebens hin. Dies scheint die positive Antwort auf das Zitat von Peter Thiel zu sein: “Wir befinden uns in einem Wettrennen auf Leben und Tod zwischen Politik und Technologie.” Auf die aggressive Ansage von Thiel müssen wir in Europa eine passende gesamtpolitische Antwort finden. Denn wenn Algorithmen die neue Weltwährung ist, die unser aller Leben bestimmt, dann bedarf es eines öffentlichen Korrektivs. Open Source kann das.

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